| Der
Patron in größerer Ausführlichkeit |
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Dr. Theo Optendrenk: Erasmus von Rotterdam - Das Lob der Gelehrsamkeit Vortrag aus Anlaß der Namensgebungsfeier des Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasiums zu Viersen am 29.10.1992
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| Der Mann des Buches |
| Sein Äußeres ist der Nachwelt
lebendig geblieben, am anschaulichsten vielleicht durch das Gemälde
Hans Holbeins d.J. "Bildnis des schreibenden Erasmus von Rotterdam", das
heute noch im Kunstmuseum
Basel zu betrachten ist. Und von Erasmus soll natürlich im folgenden
die Rede sein. Ungezählte Anspielungen des Porträtierten auf die eigene Befindlichkeit in rund 3000 erhaltenen Briefen stützen unsere Vorstellungskraft. Unter einer weit in den Nacken gezogenen Kopfbedeckung lugt ein dürres, ergrauendes Haar hervor. Das Licht fällt auf ein feingeschnittenes, schmales Gesicht mit stubenblasser Farbe, aus dem eine überlange spitze Nase herausragt. Die verschlossenen schmalen Lippen scheint ein Lächeln zu umspielen, spöttisch-ironisch oder nur voll Freude über die gelungene Formulierung, welche die schmalen, durchscheinenden Hände soeben einem geknitterten Pergament mit enggeschriebenen Buchstaben anvertraut haben. Auf diese ist auch der Blick des Schreibenden nach unten gerichtet, so daß dem Betrachter die hellen, leuchtenden und alles wahrnehmenden überwachen Augen verborgen bleiben. Den kleinen, schmächtigen, zeitlebens zu Kränklichkeit neigenden Körper läßt der weitgeschnittene Mantel mit dem hoch aufgesetzten Pelzkragen größer als in Wirklichkeit erscheinen. Dies freilich ist alles andere als eine optische Kompensation durch modische Attribute. Der gegen Zug und Kälte empfindliche Körper bedurfte immer mehr des äußeren Schutzes, und wenn der Gestank des Kohleofens unerträglich wurde, half bisweilen nur noch die substituierende Wirkung des Burgunderweins. Gemalt, in Holzschnitt oder Kupferstich besitzen wir mindestens neun Bildnisse des Erasmus aus seinen Lebzeiten, sechs von Hans Holbein d.J., dem Erasmus in Basel persönlich begegnete, zwei von Albrecht Dürer und eines von Quinten Metsys. Schreibend an einem Buch, abgebildet für ein Buch, arbeitend inmitten von Büchern oder auch nur ein Buch haltend und lesend: Bis hin zu seinem Denkmal im Rotterdam der Gegenwart ist Erasmus der Mann des Buches. Die anderthalb Jahrzehnte vor seiner Geburt gleichsam zur Serienreife gelangte Produktionstechnik des Buchdrucks beeinflußt sein Leben entscheidend. Die Buchdruckerkunst erschließt immer weiteren Kreisen den Zugang zu Bildungsgütern der alten wie der neueren Zeit. Sie spornt zugleich an zu neuen Editionen, Übersetzungen, Kommentierungen und zu eigenem schriftstellerischem Schaffen. In rastloser Tätigkeit, sehr oft zwanzig Stunden am Tag in Studier- oder Druckerstube, sofern ihn nicht Reisen oder Pflichten anderer Art in Beschlag nehmen, ringt der stets sprühende Geist des Erasmus dem widerstrebenden, schwächlichen Körper ein schriftstellerisches Gesamtwerk ab, dessen Fülle, Weite und Fundiertheit schon die Zeitgenossen in Erstaunen versetzt. Der junge Ulrich von Hutten preist ihn gar als den "deutschen Sokrates" und nennt ihn zusammen mit Johannes Reuchlin "die beiden Perlen von Deutschland, denn durch sie hörte die Nation auf, barbarisch zu sein." Den Zeitgenossen erscheint er als d e r herausragende Vertreter des Humanismus nördlich der Alpen. Im Entweder-Oder seiner Zeit wird er oftmals als Schiedsrichter angerufen, der er nicht sein will. In seinen letzten Jahrzehnten werden ihm Ämter und Pfründen bis hin zum Kardinalshut angetragen, die ihn jedoch die innere Freiheit kosten würden und die er folgerichtig allesamt zurückweist. |
| Jugend und Prägung |
| Am 28. Oktober vermutlich des Jahres 1469
erblickt Erasmus von Rotterdam das Licht der Welt, als Kind des Geistlichen
Gerard und der Arzttochter Margarete aus Gouda. Der Makel der somit gegebenen
unehelichen Geburt bestimmt seine ersten Lebensjahrzehnte ebenso wie die
Tatsache, daß in seinem 14. Lebensjahr Mutter und Vater innerhalb
weniger Monate an der Pest sterben. Der Vater hat als geschickter Kopist
von Manuskripten zeitweilig in Italien gearbeitet und dem Sohn ein erstes
Gefühl der Begeisterung für die Schriften der dortigen Humanisten
vermittelt.
Mit vier Jahren lernt Erasmus in Gouda die erste Schule kennen, kurze Zeit verweilt er als Chorknabe an der Kathedrale zu Utrecht, mit neun Jahren schickt ihn der Vater an die Fraterherrenschule Sankt Lebwin nach Deventer. In dieser Stadt lebt er fünf Jahre, seine Mutter hat ihn dorthin begleitet. Wenngleich sich der Unterricht großenteils noch in den starren Formen mittelalterlicher Schemata abspielt, wird Erasmus mit zwei Strömungen konfrontiert, die ihn nachhaltig prägen: Zum einen mit der devotio moderna, zum anderen mit Anfängen des Humanismus nördlich der Alpen. Die devotio moderna betont die Bedeutung persönlicher Frömmigkeit und des in täglicher Arbeit gelebten Christentums, in dem die tätige Nächstenliebe höher steht als der theoretische Streit um die Rechtgläubigkeit. Es wird gern übersehen, was diese weit verbreitete Deutung der christlichen Lehre verkündet: Frömmigkeit hat sich in der Welt der Arbeit zu bewähren. Der bedeutendste Vertreter der devotio moderna, Thomas a Kempis, war 1471 im Kloster Agnetenberg in Zwolle gestorben. Sein bekanntestes Werk, die "Nachfolge Christi", war nachweisbar auch Erasmus bekannt. Humanismus - die zweite für Erasmus wichtige Strömung - bedeutet die Einbeziehung der antiken, gerade auch der heidnischen griechischen und lateinischen Autoren in den Unterricht, das Zurückgehen auf die Quellen abendländischer Literatur und Kultur sowie ihre Kenntnis aus dem unmittelbaren Umgang mit ihnen. Hierdurch eröffnen sich neue Themen und Betrachtungsweisen. Auch das klassische Latein fasziniert den jungen Erasmus so sehr, daß er es mit vierzehn Jahren fließender als seine Muttersprache beherrscht und sich darin mit eigener Poesie versucht. In der Begegnung mit Sprache und Wissenschaft entwickeln sich seine Talente, seine Persönlichkeit festigt sich. Nach dem Tod der Eltern wird Erasmus für mehr als drei Jahre bei den Brüdern vom Gemeinsamen Leben zu s´Hertogenbosch untergebracht, da ihn die Vormünder für das mönchische Leben bestimmt haben. Seine Hoffnung, an der Universität studieren zu dürfen, erfüllt sich auch danach nicht. Er muß ins Chorherrenstift der Augustiner in Steyn bei Gouda eintreten. Die folgenden fünf oder sechs Jahre, die Erasmus in Steyn zubringt, werden ihm dennoch zum Gewinn, besonders durch die Freundschaft mit Gleichgesinnten und durch die Nutzung der erstaunlich reichhaltigen Klosterbibliothek, in der er sich einen unglaublichen Fundus an Wissen aneignet. 1492 wird er zudem zum Priester geweiht. Mit vierundzwanzig Jahren etwa bietet sich ihm die Gelegenheit, Sekretär des Bischofs von Cambrai zu werden. Erasmus verläßt das Kloster und findet auch nach Ablauf aller Beurlaubungen immer neue Gründe, niemals mehr dorthin zurückzukehren. 1517 schließlich wird er endgültig von allen Klostergelübden befreit, ein Mann, der nicht zum Mönch, sondern zum christlichen Humanisten bestimmt war. |
| Stationen in Europa |
| Nachdem wir den prägenden Einflüssen
in Erasmus' jungen Jahren nachgegangen sind, soll seine spätere äußere
Vita in groben Umrissen nachgezeichnet werden.
Heinrich von Bergen, Bischof von Cambrai, in den Jahren 1493 und 1494 sein Dienstherr, vermittelt Erasmus den Zugang zum College Montaigu in Paris und zum Theologiestudium an der Sorbonne, die auch in dieser Zeit noch eine der angesehensten Universitäten Europas ist. Das College selbst bietet ungesunde Schlafräume, in Reichweite unhygienischer Latrinen, den nächtlichen Kampf mit dem Ungeziefer, am Tage oftmals faules Fleisch und faule Eier mit verdorbenem Wein. Als er schließlich dieser ungastlichen Stätte unter dem Vorwand einer Krankheit entflohen ist, schlägt er sich als Privatlehrer durch. Es ist auch eine Flucht vor dem im College dominierenden Formalismus der Scholastik und der fanatischen Askese. Für den Unterricht, den er selbst gibt, verfaßt er die "Colloquia familiaria", gewöhnlich übersetzt mit "Vertraute Gespräche", lateinische Gespräche zu unterschiedlichsten Themen und Lebenslagen, den lebendigen Beweis dafür, daß die unerläßliche Versiertheit in der lateinischen Sprache anders und lebensnah erworben werden kann. Den erstrebten Doktorhut erlangt er - wegen seiner unehelichen Herkunft - in dieser Zeit nicht. Doktor der Theologie wird er erst sieben Jahre später in Turin. 1499 und 1500 besucht Erasmus erstmals England. Er lernt dort den späteren König Heinrich VIII. kennen und einen Kreis hochgebildeter Humanisten, deren bekanntester Vertreter, Thomas Morus, Erasmus bis an sein Lebensende in herzlicher Freundschaft verbunden bleibt. Es ist bezeichnend, daß Erasmus in England das geistige Umfeld vorfindet, in dem er sich der Vertiefung seiner griechischen Sprachkenntnisse widmen kann. Ab 1501 weilt er wieder in den südlichen Niederlanden, besonders in Löwen, 1506-1509 erlebt er endlich das ersehnte Italien. Er sucht auf den Spuren der Antike besonders die griechischen Schriften und will den Gelehrten seiner eigenen Zeit begegnen. Er findet in natura vor, was Niccolò Machiavelli in seinem "Principe" beschreibt: brutale Macht- und Interessenpolitik der Herrschenden, nicht zuletzt seitens Papst Julius II. Von 1509-1514 dauert Erasmus' zweiter Englandaufenthalt, die beiden folgenden Jahre verlebt er in Basel. Hier entsteht und wächst die Freundschaft mit dem Drucker Johannes Froben, dessen Sohn sein Patenkind wird. Erasmus ist inzwischen so bekannt, daß sich die Drucker um seine Werke reißen. Deren Erträge befreien ihn endlich von dem Zwang, sein Einkommen durch Bettelbriefe und honorarheischende Widmungen aufzubessern. Schon die Reise durch das Rheingebiet war eine Triumphfahrt gewesen: In Mainz, Straßburg und im elsässischen Schlettstadt hatten es die gelehrtesten Männer sich zur Ehre angerechnet, Erasmus persönlich zu begrüßen. Die Jahre 1516-1521 finden ihn wieder in den Niederlanden. Europa ist erschüttert von den religiösen Auseinandersetzungen der beginnenden Reformationszeit. Erasmus verliert mehr und mehr die anfängliche Sympathie Luthers, weil er nicht für ihn Partei ergreift. Andererseits haben seine kritischen Äußerungen über das Erscheinungsbild der Kirche ihm Argwohn und Haß der theologischen Fakultät in Löwen zugezogen. Gerade in den Wirren der Reformationszeit erweist sich Erasmus als klarer, überlegener Geist, der sich der Wahrheit mehr verpflichtet fühlt als der Rechthaberei dieser oder jener Partei. Folgerichtig zieht es ihn 1521 erneut nach Basel, aber auch von dort vertreiben ihn 1529 die Wirren der Zeit, so daß er das beschaulichere Freiburg im Breisgau als Wohnsitz wählt. Sein letztes Jahr 1535-36 verbringt er, betreut von der Familie Froben, wieder im inzwischen beruhigten Basel. |
| Das Lob der Torheit |
| An einem Kupferstich Albrecht Dürers
aus dem Jahre 1526 steht auf einer Tafel in lateinischer Sprache die Aufschrift
"Bildnis des Erasmus von Rotterdam, von Albrecht Dürer nach dem lebendigen
Ebenbild gezeichnet". Darunter ist in griechischer Sprache der Satz hinzugefügt:
"Das bessere (Bild) zeigen seine Schriften."
Und fürwahr, wir täten gut daran, Erasmus, den wir als Theologen und Humanisten kennengelernt haben, als Philologen und Schrifsteller zu betrachten. Sein profundes sprachliches Wissen befähigt ihn zu einer schier unüberschaubaren Herausgebertätigkeit. Das Neue Testament gibt er in zwei Auflagen im griechischen Originaltext heraus, versieht es mit der eigenen lateinischen Übersetzung und einleitenden Schriften. Nicht mit spitzfindigen Erörterungen theologischer Spezialfragen glaubt er der Philosophia Christi zu dienen, sondern vielmehr mit erklärenden und auslegenden, Zugang eröffnenden Paraphrasen. Ohnehin hält er, der Gelehrte, der um die Grenzen des Wißbaren weiß, sich an die Regel: "Bei manchen Dingen ist es besser, sie zu verehren, als sie zu erforschen" (Praestat venerari quaedam quam scrutari). Er tadelt die "gottlose Neugier" der Theologen, die glauben, alles erklären zu müssen und auch zu können. Desiderius Erasmus Roterodamus diese seine Namensform setzt sich nach anfänglichen Schwankungen in seinen Veröffentlichungen durch will schöpfen aus den frühen Verkündern und Deutern des Christentums in der Spätantike, den Kirchenvätern. Zeitlebens arbeitet er daran, die Schriften von Kirchenvätern durch neue Ausgaben zugänglich zu machen: von Cyprian, Arnobius, Hilarius, Irenaeus, Ambrosius, Origines, Augustinus, Johannes Chrysostomus und besonders des von ihm hochverehrten Hieronymus. Bedeutende Gelehrte unserer Zeit würden sich glücklich schätzen, Teile hiervon als ihr Lebenswerk vorweisen zu können. Aus der Fülle des Wissens entstehen zum Beispiel auch die "Adagia", Erklärungen zu Sprichwörtern und Redensarten. Von einer Ausgabe zur anderen verdoppelt sich ihr Umfang, und nach einem Dutzend Auflagen ist die Sammlung zu einem voluminösen Band geraten, zur Freude einer wachsenden Leserschaft, der durch die Präsentation dieser Lesefrüchte eigenes Suchen und Sammeln erspart bleibt. Witz und Charme, Eleganz in der Sprache und ein moderater Ton in Erasmus eigenem schriftstellerischen Werk dürfen nicht über die Strenge seiner Maßstäbe hinwegtäuschen. Erasmus verabscheut selbstgewisse Dummheit und Fanatismus. Gleichsam exemplarisch seien hierfür zwei seiner Werke betrachtet, die auch in unserer Zeit Beachtung finden: "Das Lob der Torheit" und "Die Klage des Friedens". "Enkomium Moriae", also mit latinisierten griechischen Vokabeln benennt Erasmus das Lob der Torheit. Dadurch wird eine freundlich stichelnde Anzüglichkeit möglich; denn gewidmet ist dieses Werk dem über alles verehrten und geschätzten Thomas Morus: Morus, der Names des Freundes. Moria, die Torheit. "Leiht mir nur geduldig euer Ohr", sagt die Torheit zu Beginn ihrer Rede, "freilich nicht wie ihr den Predigern zuzuhören pflegt, sondern wie ihr euch den Spielleuten, Possenreißern und Narren widmet..." Gleichsam "lachend die Wahrheit sagen" (ridentem dicere verum), wie es der Dichter Horaz formuliert, will die Torheit. Und sie wird dabei nachweisen, daß sie im letzten die Welt regiert, die persönlichen Geschicke der Menschen lenkt und oft deren Leben erst erträglich macht. In Freundschaft und Liebe hat die Torheit ihr unbestrittenes Betätigungsfeld, aber auch nach Ländern und Berufsständen betrachtet, findet die Torheit über die Maßen Gelegenheit, ihr Wirken und ihren Erfolg zu rühmen. Bei Regierenden und hoher Geistlichkeit ist die Torheit allgegenwärtig. Ähnlich wie im "Gespräch des Abtes mit der gebildeten Frau" richtet sich Erasmus´ beißender Spott gegen Unbildung, bequeme Stallfütterung und faules Leben in den Klöstern, dazu gegen die dreiste Scharlatanerie gewisser Bettelmönche. In immer neuen literarischen Anspielungen umschreibt die Torheit und durch sie häufig spürbar Erasmus selbst das Auseinanderklaffen von hohem Anspruch und erbärmlicher Wirklichkeit. Von Nachfolge Christi weit und breit keine Spur, wo "Brunst, Eßlust, Schlafsucht, Jähzorn, Stolz und Neid" regieren. "Wenn nun erst," so läßt Erasmus die Torheit sprechen, "die Päpste als Christi Stellvertreter seinem Leben nacheifern wollten, das heißt der Armut, Mühsal, Lehre, dem Kreuz und der Lebensverachtung ..., würden sie an äußerem Elend nicht ihresgleichen finden auf Erden. Wer wollte dann diese Stellung um alles Geld kaufen? Wer wollte sie noch mit Schwert, Gift und jeder Gewalt behaupten, wenn er sie gekauft hätte? Wieviel Annehmlichkeit schwindet dahin, wenn die Weisheit sich einmal eingenistet hat? Die Weisheit sage ich? Nur ein Körnchen von jenem Salz, das Christus erwähnt hat. Alle die Schätze, die Ehrungen, Herrschergewalt, Siege, Dienstbarkeiten, Dispenserteilungen, Abgaben, Ablässe, Pferde, Maultiere, Würdenträger und Lustbarkeiten! Ihr seht, welchen Jahrmarkt, welche Ernte, ja welchen Ozean an Gütern ich in Kürze aufgezählt habe." Viele Jahre vor dem Ausbruch der Reformation trifft das 1508 niedergeschriebene und 1511 im Druck erschienene "Lob der Torheit" mit seiner Kritik den Nerv des an Mißständen reichen, eigentlich christlichen Europa. Bis auf den heutigen Tag bringt gerade dieses Werk Erasmus den Ruf ein, Wegbereiter der Reformation gewesen zu sein. In der katholischen Kirche ruft es die Inquisition auf den Plan, bringt dem Verfasser den Vorwurf der Ketzerei ein und den Ruf, wie dereinst Lukian von Samosata ein gottloser Spötter zu sein. Bei den Kräften der Reformation löst es die Erwartung aus, Erasmus müsse sich mit einem klärenden Wort auf ihre Seite stellen. Während die mit Kritik Überzogenen großenteils mit Empörung reagieren, erkennen unbetroffene oder selbstkritische Leser im Spiegel der Narrheit ein wahrheitsgetreues Abbild der politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Wirklichkeit. Mit seiner Fähigkeit, lachend die Wahrheit zu sagen, fordert Erasmus nicht die kurzlebigen Sensationen, nicht Rücktritte und die rollenden Köpfe von vermeintlich Schuldigen. Er zeigt die Absurdität des Irrweges, fordert damit zur Umkehr auf und wird so wegweisend. |
| Die Klage des Friedens |
| Zeitlebens leidet Erasmus an der Friedlosigkeit
Europas. Eine leider verschollene Schrift aus dem Jahr 1508 mit dem Titel
"Antipolemos", also "Antikrieg", ist erwachsen aus eigenen Erfahrungen
in Venedig, das Opfer einer Eroberergemeinschaft großen Stils zu
werden drohte. Wenngleich der Plan, den Besitz der Republik Venedig zu
verteilen, fehlschlägt, bleibt in Erasmus doch das Entsetzen, nicht
zuletzt über die Rolle von Papst Julius II.
In Cambridge erlebt Erasmus 1513 den Jubel der Engländer über ihren Sieg bei Guinegate gegen die Franzosen. Erasmus trauert um seinen mit großer Sympathie begleiteten Privatschüler Alexander Stuart, den Sohn des schottischen Königs Jakob IV., der in ebendieser Schlacht gefallen ist. Auch die Begegnung mit gleichgesinnten Freunden bestärkt Erasmus in seiner Absicht, dem Thema "Frieden" Öffentlichkeit zu verschaffen. Sein Freund John Colet ermahnt in seiner aufsehenerregenden Karfreitagspredigt den ungestümen Heinrich VIII., Haß und Ehrsucht abzulegen und christliche Bruderliebe zu praktizieren durch Verständigung und Frieden. Als 1517 der auf Verständigung zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich drängende burgundische Kanzler Jean Le Sauvage eine Rede für den geplanten Friedenskongreß in Cambrai braucht, wendet er sich an Erasmus. Das Ergebnis ist die "Klage des Friedens" (Querela Pacis). Der Kongreß bleibt in Vorabkommen stecken. Dennoch ist die Diskussion um das Thema "Krieg und Frieden" in ihrer neuen Grundsätzlichkeit und vor dem Hintergrund der Glaubenserfahrung und -diskussion dieser Zeit nicht mehr aus der Welt zu bringen. In der Politiksprache unserer Zeit würden wir vielleicht sagen: Erasmus hat das Thema "Frieden" besetzt und der Öffentlichkeit die Grundsatz-diskussion aufgezwungen. Wie die griechische Eirene ist auch Pax die Göttin des Friedens, deren Bildnis Erasmus vielleicht in der Sala della Pace in Siena begegnet ist, wo er sich 1509 mehrere Monate aufhielt. "Die ganze Welt ist ein gemeinsames Vaterland", spricht die Friedensgöttin, und zur mörderischen Zwietracht der Nationen, der Gehässigkeit zwischen Engländern, Deutschen und Franzosen vermerkt sie: "Warum zertrennen uns alle diese närrischen Namen mehr, als uns der Name Christi vereint?" Europa erscheint bei Erasmus als "eine moralische Idee, als eine vollkommen unegoistische und geistige Forderung", wie Stefan Zweig zutreffend bemerkt in seinem faszinierenden Erasmus-Buch. Der Friede, so sieht es Erasmus, befördert nicht nur das individuelle Glück der Menschen. Seine Früchte sind zugleich gute Sitten, echte Wissenschaften und schöne Künste. Die Gewalttätigkeit des Krieges hingegen zeitigt nur Barbarei. Als durchsichtig und vorgeschoben entlarvt Erasmus die vorgebrachten Begründungen und läßt lediglich die Abwehr von einfallenden Barbaren und die offensichtliche Selbstverteidigung als Kriegsgrund gelten. Ende 1517 erscheint die Querela Pacis bei Froben in Basel in erster, im Folgejahr bereits in zweiter Auflage, weitere Ausgaben im selben Jahr in Löwen, Krakau, Venedig, Leipzig und erneut Basel, im Laufe des folgenden Jahrzehnts in Florenz, Leipzig, Mainz, Straßburg, Köln, Deventer, Lyon, Basel und Leiden. Ohne Übertreibung darf man sagen: Die Querela Pacis ist ein literarisches Ereignis von europäischem Rang, gerade weil sie für die Zerstrittenheit der christlichen Welt die tieferen Ursachen artikuliert und zugleich die Sehnsucht Europas nach Frieden. Als 1532 die Übersetzungen aus dem Lateinischen in die Volkssprachen einsetzen, verschärft sich die Kritik. Wohin der Arm der Inquisition reicht, werden die Übersetzungen auf den Index gesetzt oder wie die französische 1525 öffentlich verbrannt. Ihr Übersetzer, Louis de Berquin, wird als Ketzer vier Jahre später selbst den Flammen übergeben. |
| Erasmus und Luther |
| Angesichts der beißenden Kritik,
die Erasmus an den Zuständen in der Kirche übt, liegt für
viele Zeitgenossen nichts näher, als daß er sich der Reformation
anschließe. Albrecht Dürer appelliert während einer Reise
in den Niederlanden 1521 an ihn: "O Erasme Roterdame, wo wiltu bleiben?
... Hör, du ritter Christij, reith hervor neben den herrn Christum,
beschütz die warheit, erlang der martärer cron; Du bist doch
sonst ein altes meniken ... O Erasme, halt dich hie, das sich gott dein
rühme!"
Luther selbst hat zwei Jahre zuvor mit schmeichelnden Worten um die Unterstützung des Erasmus geworben. Dieser bestärkt im folgenden Jahr den Kurfürsten Friedrich den Weisen in seiner Absicht, Luther Schutz zu gewähren, meidet jedoch jedes Wort der Zustimmung, will nicht in den Parteienstreit hineingezogen werden. Er fühlt, daß der Kampf seine Kräfte übersteigt. Seine Worte: "Ich befolge die Gesetze des Papstes und der Fürsten, wenn sie gerechte sind, und ich erdulde ihre üblen Gesetze, weil es sicherer ist." Über Luther sagt Erasmus: "Er hat einiges ausgezeichnet gesagt und gut gewarnt, und ich wollte, er hätte diese guten Dinge nicht durch seine unerträglichen Fehler gestört." Gemeint ist Luthers schroffe Kompromißlosigkeit in Wort und Sache, seine wortgewaltig agressive Art, die dem Gegner kaum eine Brücke läßt. Erasmus fürchtet den "tumultus" und sieht die Einheit der Christenheit in Gefahr. Wenngleich er als Verfechter der menschlichen Willensfreiheit mit Luther eine scharfe öffentliche Auseinandersetzung führt, fehlt ihm die letzte Selbstgewißheit, die absehbare Spaltung mitverantworten zu wollen. Seinen eigenen Standpunkt formuliert er so: "Wenn Gott, wie aus dem mächtigen Aufstieg der Sache Luthers hervorgeht, dies alles so will und vielleicht für die Verdorbenheit dieser Zeit einen so rauhen Wundarzt wie Luther nötig erachtet hat, dann ist es nicht meine Sache, ihm zu widerstreben." Erasmus bleibt, wie es bei anderer Gelegenheit heißt, ein "homo pro se", er steht für sich selbst, verharrt zwischen den Parteien. Luther läßt seiner Enttäuschung darüber wortreich freien Lauf, nennt Erasmus einen Lukian und Epikur und schimpft: "Erasmus ist ein Aal. Niemand kann ihn fassen als nur Christus. Est vir duplex." Luther selbst übersetzt diesen Begriff in Jacobus 1 Vers 8 mit "ein zweiveler". Noch in einer Tischrede des Jahres 1533 donnert er: "Bei meinem Sterben werde ich meinen Kindern verbieten, die Colloquia des Erasmus zu lesen. Denn er äußert in der Rolle von andern seine völlig gottlose, im Widerspruch zu Glauben und Kirche stehende Auffassung." Auch wenn viele Anhänger der Reformation, z.B. Luthers Freund Melanchthon, solch derber Schelte nicht folgen, fühlt sich Erasmus in den letzten anderthalb Jahrzehnten vom Aufruhr der religiösen Konflikte gedrängt und getrieben. |
| Erasmus für unsere Zeit |
Nannte Stefan Zweig im Jahre 1935 Erasmus
von Rotterdam noch "den großen Vergessenen," so hat sich dies inzwischen
gründlich geändert. Wissenschaft und Politik haben sich hingegen
Zweigs inhaltlichem Urteil angeschlossen, "er sei unter allen Schreibenden
und Schaffenden des Abendlandes der erste bewußte Europäer gewesen,
der erste streitbare Friedensfreund, der beredteste Anwalt des humanistischen,
des welt- und geistesfreundlichen Ideals." Die Skepsis gegenüber dem
Nationalstaat und die Anziehungskraft, die der Europagedanke seit den fünfziger
Jahren unseres Jahrhunderts ausübt, haben den Blick zurückgewandt
auf diesen "ersten Europäer." Sein Name steht heute für das Austauschprogramm,
das europäischen Studenten Sprache, Arbeit, Kultur, Land und Mentalität
ihrer Nachbarn nahebringt. Eine im vergangenen Jahr geprägte " 2½
ECU-Münze der Niederlande trägt das Bekenntnis des Erasmus, "me
velle civem esse totius mundi, non unius oppidi" ("daß ich Bürger
sein will der ganzen Welt, nicht einer einzelnen Stadt").
So sehr uns aktuelle Bezüge zum Denken
des Erasmus willkommen sind, seine Ideen greifen über seine und unsere
Zeit hinaus. Und eine persönliche Botschaft an das Gymnasium, die
darin Lehrenden und die Lernenden könnte man in Abwandlung seines
eigenen Wortes umschreiben mit der Formulierung: das Lob der Gelehrsamkeit.
Fremd wie der Klang dieses Wortes ist vielen Menschen die mit ihm bezeichnete
Sache: auf grundsoliden Sach- und Methodenkenntnissen beruhendes Wissen,
das zur Erkenntnis der Wahrheit drängt und befähigt. Zugänge
zu den sich immer weiter auffächernden Wissenschaften zu eröffnen,
Wissenschaftspropädeutik zu betreiben und damit Studierfähigkeit
zu vermitteln, ist und bleibt Aufgabe des Gymnasiums. Inhalte und Maßstäbe
für eine solche Arbeit können niemals beliebig sein und von Moden
und Meinungen des Zeitgeistes abhängen.
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| Schlußwort |
| Die Schulkonferenz wie auch Schulausschuß und Rat der Stadt Viersen haben durch die Namensgebung "Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium" ein Zeichen des Optimismus gesetzt: der Zuversicht nämlich, daß Schülerinnen und Schüler dieses Gymnasiums seine in unserer Zeit fortwirkenden Ideen erfassen und Gestalt werden lassen und daß sie befähigt werden, die scheinbar unaktuellen lebendig zu erhalten und durch die Zeit zu tragen. |