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Acht Todsünden im Lehrerberuf |
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Ignoranz
soll bedeuten, daß der Lehrer lückenhafte Kenntnisse, fehlendes
Fachwissen, unterrichtstechnische oder erzieherische Mängel hat, die
im Einzelfall sehr schwerwiegend und auffällig sind. Damit soll nicht
kritisiert werden, daß wir alle nur ein begrenztes Wissen haben,
wohl aber der Umstand, daß es Lehrer gibt, die an einer Vervollständigung,
Erneuerung oder Aufarbeitung ihre Kenntnisse nicht interessiert sind. Gegenüber
Fort- und Weiterbildung - organisiert oder im Selbststudium - verhalten
sie sich ablehnend. Neue Inhalte eines Unterrichtsfaches werden als Bedrohung
und nicht als Herausforderung begriffen.
Beispiel: L.: "Kriechtiere - wißt ihr, was das ist?" Sch.: "Ja, so was wie Schnecken und Würmer!" L.: "Gut, weiter!" Die Antwort der Schüler war eben nicht gut, sondern schlicht falsch: Zu den Kriechtieren (Reptilien) gehören Schlangen, Eidechsen oder Schildkröten, nicht aber Schnecken (Weichtiere) oder Würmer, die gar einen eigenen Tierstamm bilden. |
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Mit
Schaumschlägerei
ist auch Angeberei, blenden gemeint. Der Schaumschläger ist kein Ignorant
(Nichtwisser), er weiß eine Menge, aber er möchte sich zum Wissensgott
machen, der auf beinahe jedem Gebiet umfassende Ahnung hat. Deshalb blendet
er, jongliert mit Bällen, die er nicht hat, gibt seine Bescheidenheit
auf. Er ist nicht Darsteller einer guten Sache, sondern Verkäufer
von Phantasieprodukten. Er ist Komödiant eines Schmierentheaters,
ein Scharlatan eben.
Beispiel: Sch. zu einem Mitschüler: "Du, den X. tricksen wir gleich mal aus. Schreib' mir mal auf das Kärtchen irgendeinen Phantasienamen!" Der Mitschüler notiert: Mirja Czybulski. Herr X. betritt die Klasse. Sch.: "Herr X., kennen Sie eigentlich Mirja Czybulski oder so ähnlich? Ich habe mir den Namen hier auf das Kärtchen aufgeschrieben. In der letzten Literaturdiskussion im Fernsehen wurde sie von allen zerrissen, nur Marcel Reich-Ranicki hat sie gelobt...". X.: "Selbstverständlich kenne ich die Mirja, und Marcel hat sie zurecht gelobt. Ihre bildhafte Sprache ist es, die sie auszeichnet..." |
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Selbstbezogenheit,
oder Egomanie, kennzeichnet den Lehrertypen, der mit seinem Verhalten gegen
Gebote der Kollegialität verstößt. Auf der Lehrerkonferenz
redet er jeden an die Wand, zerpflückt Vorschläge, unabhängig
von ihrer Qualität und fragt sich stets: Was bringt mir das? Ihn stört
es, wenn Künstler den Flur gestalten wollen, ihm ist eine Stufenkonferenz
am Freitag nicht zuzumuten, die Aufsichtsregelung fand noch nie seine Zustimmung.
Jede Form der kollegialen Zusammenarbeit wird "verunmöglicht". Er
kennt nur Herrschaft und Unterwerfung und reagiert - wie alle Egomanen
- gekränkt, wenn seine Bedürfnisse nach Selbstbespiegelung nicht
genügend beachtet werden. Selbstüberschätzung, Selbstüberschätzung
und unkollegiale Ichbezogenheit mögen im Alltag eines Alleinlebenden
keine Todsünde darstellen, wohl aber im schulischen Bezug mit Anderen. |
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Karrieresucht:
Es
geht nicht darum daß er Karriere machen möchte, sondern wie.
Schon die Schüler sind ihm Mittel zum Zweck, als Lehrer herauszuragen,
auf sich aufmerksam zu machen; Mitbewerber gilt es wegzuboxen, auszutricksen,
notfalls anzuschwärzen; gegenüber Mächtigen ist Wohlverhalten
angezeigt, Angepaßtheit, falsche Solidarität heißt das
in der Regel. Schwächere erhalten Fußtritte, Gleichstarke müssen
mit jedem Tritt rechnen, und nach oben wird gekatzbuckelt. Der Gedanke
an den Aufstieg läßt ihn nicht mehr los. Schon Theodor
Storm hat einmal gedichtet:
Jemand, der wider besseren Wissens andere zum Zweck seines Aufstiegs mißbraucht, ist als Erzieher gestorben. |
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Schmarotzertum:
Der
Schmarotzer lebt auf Kosten anderer, feiert unnötig oft krank und
läßt sich von Kollegen vertreten. Bevorzugte Tage, bei denen
er sich "erkältet" oder eine "Grippe eingefangen" hat, sind der Freitag
und Montag oder wenige Tage vor Ferienbeginn. Er "vergißt" öfter
die Pausenaufsicht und läßt Klassenarbeiten wochenlang liegen.
Er zehrt von den Arbeitsmaterialien seiner Kollegen, ohne je selber welche
beigesteuert zu haben. Es geht als nicht um jene Lehrer, die erschöpft
und erkrankt vom Kollegium eine Zeitlang getragen werden, sondern um solche,
die man auch als Nassauer bezeichnet.
"Bei vollem Gehalt zehn Jahre die Schule geschwänzt" - so textete der Tagesspiegel (Nr. 14915, vom 19.5. 1994, S. 9). Mit Hilfe geschickter Anwälte konnte sich dieser Lehrer tatsächlich einer Zwangspensionierung entziehen, kassierte Gehalt und unterrichtete nicht. Vielleicht ein drastisches Beispiel, um diese Todsünde zu beschreiben. |
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Herrschsucht:
Er regiert in seinen Klassen mit Zuckerbrot und Peitsche und setzt dazu
mal extreme Freundlichkeit, dann wieder unvermutete Härte ein. Zuwendung,
Freundlichkeit und Vergünstigungen bestechen die gutwilligen Schüler,
barsche Zurückweisung, Ablehnung und überharte Strafen setzen
den Starken zu. Das wechselseitige Vertrauen ist gestört, die Unberechenbarkeit
dient nur einem Zweck - er will herrschen um jeden Preis.
Der herrschsüchtige bringt es fertig, an einem Tag Schülern ein Pizza-Essen zu versprechen (und später auch einzuhalten) und andere mit Hilfe von Anrufen bei deren Eltern sowie durch maßloses Aufbauschen und "Schwarzsehen" an den Rand der Verzweiflung zu treiben. |
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Schleimerei:
Ein Schleimer will auf Kosten anderer Lehrer die Sympathie der Schüler
haben. Er macht sie zu Mitwissern über interne Vorgänge, die
sich im Lehrerzimmer, bei Konferenzen, oder - schlimmer noch - bei Prüfungen
abgespielt haben. Den Schleimer quält letztlich die Eifersucht. Er
will beachtet, bewundert, geliebt werden. Zum Glück durchschauen die
Schüler dies in der Regel, aber das nimmt ihnen nicht den Zwang, gegenüber
den verunglimpften Lehrern mit gespaltener Zunge reden zu müssen.
Sie können ihnen gegenüber schlecht die "Geheimnisse" offenbaren,
die sie vom Schleimer erfahren haben.
Die Gefahr der Schleimerei ist deshalb groß, weil Lehrer am Ende ihrer oft aufreibenden Arbeit eines ersehnen: Anerkennung, Dank, Beifall. Ein Vergleich mit dem Beruf des Schauspielers ist daher nicht abwegig. Wehe aber dem Schauspieler oder Lehrer, dem es dabei im Grunde nicht um die Sache und die Menschen geht, sondern nur um sein eigenes beifallsüchtiges Bedürfnis. |
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Zynismus
ist eine der größten Todsünden. Hartnäckig verteidigt
der Zyniker seine menschenverachtende Sicht auf pädagogische Entwicklungen,
Schüler und Vertreter des eigenen Berufsstandes. Er hatte am Beginn
seines Berufslebens vielleicht mal Ideale, häufig sogar sehr hohe,
die er aber schließlich in einem quälenden Prozeß von
Streß und Überforderung verloren hat. Inzwischen achtet er vehement
darauf, daß ihn niemand mehr zu neuen Hoffnungen "verleitet", eine
zweite Enttäuschung könnte er nicht ertragen. Angst verbreitet
der Zyniker und ist doch selber angefüllt mit Angst, die er hinter
der Maske aus Ironie und Sarkasmus zu verbergen versucht.
Beispiel: "In den letzten 20 Jahren ist mehr Schrott ins Gymnasium gekommen als in den zurückliegende 200 Jahren, wozu manche Schmusepädagogik mehr beigetragen hat als die Parolen der 68er. Der IQ ist nun mal zu 50 Prozent angeboren, und um den Unterschied zwischen Gerundium und Gerundivum zu kapieren, muß man wenigstens 100 Punkte haben ..." |
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Fußnoten:
Storm,
Theodor (1817-1888), deutscher Dichter und bedeutender Novellist. Storm
ist einer der führenden Vertreter des poetischen Realismus in der
deutschen Dichtung.
Storm wurde in Husum geboren.
Er studierte Jura in Kiel und Berlin und ließ sich später als
Advokat in seiner Heimatstadt nieder. Im Zuge der Einnahme Schleswigs durch
Dänemark (1853) verlor er sein Amt und zog daraufhin nach Potsdam.
Im Jahr 1864 kehrte er in das mittlerweile zu Preußen gehörende
Husum zurück. Von 1874 an war er als Oberamtsrichter tätig. Seine
letzten Lebensjahre verbrachte er in Hademarschen.
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