| Lambersart 2004 |
von
Maximilian Juncker
Es
ist der 27.4.2004 gegen 8 Uhr morgens. Die ca. 20 Schülerinnen und Schüler verabschieden
sich von ihren Eltern und nehmen ihre Plätze im Bus ein.
Die
folgenden 10 Tage werden sie dreihundert Kilometer entfernt, in einer
Gastfamilie in Lambersart verbringen. Da es für die allermeisten der erste
Frankreich-Austausch ist, sind alle très curieux, sehr gespannt auf
dass, was sie in ungefähr 4 Stunden erwarten wird, auch deswegen, weil viele
erst in der Woche vor dem Austausch endlich etwas von ihren französischen
Austauschschülern gehört haben. Die Busfahrt ist vom Austausch von Hoffnungen,
Erwartungen, und Infos über die Austauschpartner geprägt. Je weiter der Bus
Richtung Lambersart fährt, desto besser wird das Wetter, was allen nach
regnerischen Tagen in Deutschland nicht ungelegen kommt. Nachdem wir bei einem
kurzen Zwischenstopp in Belgien mit einer Orangina (frz. Orangenlimonade) schon
einen Vorgeschmack auf “Fronkreisch” bekommen durften, verwandelte sich bei
den meisten die anfängliche Gespanntheit allmählich in Aufregung.
Dann
war es endlich so weit:
Gegen
12 Uhr fährt der Bus aus Deutschland endlich vor dem salle municipale,
einer Art Mehrzweck- und Veranstaltungsraum der Stadt, vor. Während die französischen
Schüler, Eltern und Lehrer noch auf sich warten lassen, können wir auf
mehreren Stellwänden 40 Jahre Lambersart-Austausch verfolgen. Endlich trudeln
die Austauschpartner mit ihren Eltern ein, einzeln und mit mitunter großen
zeitlichen Abstand, ein Umstand, der den anderen Wartenden die Möglichkeit gab,
“Bewertungen” über die bereits „vergebenen“ Franzosen zu erteilen.
Als
dann endlich alle vollzählig waren und jeder und jede seinen bzw. ihren Partner
hatte, blieb nicht viel Zeit für Gespräche, denn eben dem Bürgermeister von
Lambersart ließ es sich auch unser Schulleiter Herr Stoffel nicht nehmen, anlässlich
des 40-jährigen Jubiläums des Austausches eine kleine Ansprache zu halten, die
dann von Herrn Pfeiffer satzweise ins Französische übersetzt wurde.
Nach diesem kleinen Empfang im “salle municipale” fuhren die Deutschen dann nach und nach mit ihren Austauschpartnern und deren Eltern nach Hause, wo man planmäßig das Wochenende verbringen würde. Während selbigem trafen sich die Deutschen mit ihren Franzosen oder umgekehrt. Ich zum Beispiel durfte mir den Film “...und dann kam Polly” (“Polly et moi”), natürlich, auf Französisch ansehen. Ich habe zwar nichts verstanden, konnte mir aber anhand der Bilder den “äußerst anspruchsvollen” Inhalt des Films erschließen. Während dieses Wochenendes sammelten wir auch die ersten Eindrücke vom Leben in einer französischen Familie und dessen Besonderheiten. So waren uns Frühstück ohne Teller (sondern von Plastikuntersetzern), 2 vollständige warme Mahlzeiten pro Tag, die meistens in verschiedenen Gängen eingenommen wurden, jedoch nicht Vorspeise-Hauptgericht-Dessert, sondern Salat-Fleisch-Pommes-Erbsen-Joghurt oder entsprechendem, nicht so sehr vertraut. Auch den 24-Stunden Betrieb des Fernsehers waren wir von Deutschland nicht unbedingt gewohnt.
So
hatten wir uns am Montag viel zu erzählen, hatten wir uns doch, bis auf wenige
Ausnahmen, das ganze Wochenende nicht gesehen. An diesem Montagmorgen erwartete
uns eine neue Überraschung: das „Lycée Jean Perrin”, das
Oberstufen-Gymnasium von Lambersart. Von außen recht unscheinbar, waren wir
doch über die sehr einfache Innengestaltung der Schule überrascht, gegen die
unsere Schule ein Luxus-Gebäude ist. Sie erinnert mehr an einen typische
amerikanische Highschool, mit bekritzelten, glatt verputzten Wänden, alten
Holztüren und abgenutzten Möbeln. Auch der Unterricht war sehr interessant: während
man bei dem wirklich sehr bemühten M. Pignet, dem französischen
Organisationslehrer des Austausches, eine lustige und lehrreiche bilinguale
Interview-Stunde meistern musste, erwarteten einen in den anderen Fächern doch
die ein oder andere Überraschung. Von Normalparabeln und Geradengleichung in
10/2 über deutsch-„feindliche“ Lateinlehrer und unterhaltsamen
Russisch-Stunden bis zum Telefonieren im Unterricht, Trinken und Essen sowie der
Ignorierung der meisten Lehrer.
Aber
der Reihe nach. Nach drei Unterrichtsstunden an diesem Morgen war Mittagspause.
In dieser sollte also gegessen werden, was und wo hing jedoch vom französischen
Austauschpartner ab. Die, die Glück hatten, bekamen Pommes oder Baguette von
der nahen Pommesbude, die, die weniger Glück hatten, wie ich, durften in der
Kantine schmausen. Das “Essen” dessen “Duft” bis auf den Schulhof zu spüren
war, bestand aus frühstücksbretthartgebratenen “Kartoffeltalern”, deren
genaue Ingredienzien nicht erkennbar waren, 10kg Bohnen pro Teller und einem,
darunter verschütteten Stück Hühnchenbrustfleisch. Einziger Lichtblick:
Schokopudding, Joghurt und Schokowaffeln als Nachtisch. Doch der Versuch sich
gleich mehrere dieser Köstlichkeiten zu sichern scheiterte bedauerlicherweise
an der Kasse. Zu trinken gab es, typisch französisch, nur Leitungswasser aus
Metallkannen.
Nach
dem alle so richtig satt waren, was bei manchen schon beim Anblick des Essen der
Fall war, begaben sich die Franzosen in den Nachmittagsunterricht und die
Deutschen trafen sich, um per Bus in die etwa 5 km entfernte, europäische
Kulturhauptstadt Lille zu fahren. Dort besuchten wir ein naturgeschichtliches
Museum, in dem wir uns eine Stunde lang umsehen und informieren durften.
Anschließend ging es wieder mit dem Bus nach Lambersart zurück.
Der
Dienstag sollte sich ähnlich gestalten wie der Montag. Zwei bis drei Stunden
Schule (je nach Stundenplan des Partners), danach Mittagessen (s.o.). Das
Nachmittagsprogramm bestand für uns wieder aus einem Besuch in Lille, diesmal
verbunden mit einer Stadtrallye, die uns bei traumhaftem Sommerwetter mit bis zu
25°C auch die Möglichkeit gab, McDonalds und die Straßencafés auf den schönen
Marktplatz von Lille zu erkunden.
Am
Mittwoch sollte dann ein, von Franzosen und Deutschen, herbeigesehntes Highlight
folgen:
PARIS!!
In
aller Frühe ging es wieder per Reisebus los, und nach 4 Stunden Fahrt kamen wir
gegen 11:00 Uhr an, um uns sogleich aufs nächste Gefährt zu begeben. Diesmal
allerdings kein Bus, sondern ein Schiff, dass uns auf eine Seinerundfahrt
mitnehmen sollte, auf der wir den Eiffelturm, Notre Dame, die verschiedenen
Seine-Brücken mit den goldenen Pfeiler-Spitzen und vieles andere, sehen
konnten. Anschließend begaben wir uns in die Tuilerien, die Königsgärten,
wo wir uns in Gruppen aufteilten und dann mehrere Stunden zur freien Verfügung
hatten. Die großen Brunnen luden bei wieder mal strahlendem Sonnenschein zu
einem Picknick ein und wir vertilgten die, von unseren Gasteltern mitunter sehr
großzügig und liebevoll ausgestatteten, Lunch-Pakete. Die berühmten schwarzen
Verkäufer suchten uns auch heim, um uns diverse Dinge zu verkaufen, allerdings
ohne großen Erfolg. Einzige Ausnahme: Einer dieser Verkäufer hatte das Glück,
uns ca. 200 Postkarten in einer Minute zu verkaufen, als er uns 1
Postkarte für 1€ anbot. Interessant an diesem Angebot war allerdings
der Mengenrabatt: 20 Postkarten sollten nämlich nur 2€ kosten,
ein Preis bei dem sich alle mit derartigen 20er Packs Paris-Postkarten
eindeckten.
Nach
diesen Geschäften und einem Besuch der Louvre-Pyramide wollten Teile der Gruppe
versuchen innerhalb der noch verbleibenden Stunde den ca. 5km entfernten
Triumphbogen mit der anschließenden Champs Ellysee zu erreichen, was
ihnen auch beinahe gelungen wäre, der vernünftigere Teil verbrachte die Zeit
am Brunnen und sonnte sich.
Später
ging es für uns dann weiter mit dem Aufstieg am Montmartre zu Sacre
Coeur, der berühmtem Kirche über den Dächern von Paris.
Schließlich
ging auch dieser Ausflug zu Ende und wir machten uns, ziemlich erschöpft vom
Laufen, auf die Rückfahrt nach Lambersart.
Der
nächste Tag begann für die meisten sehr erfreulich und sehr spät, da die Schüler
der “2nde 7” erst zur 3. Stunde, also erst um halb 11, Schule
hatten, was uns nach dem doch recht anstrengenden Paris-Tag sehr gelegen kam.
Kaum in der Schule angekommen, präsentierte uns diese eine ihrer Überraschungen:
die oben näher beschriebene Kantine streikte, denn die Mitarbeiter wollten mehr
Geld. Dieser Streik und das dadurch wohl ausfallende Mittagessen (s.o.) verärgerte
einige Schüler derart, dass diese ebenfalls beschlossen zu streiken und gar
nicht oder mit 15 Minuten Verspätung zur Stunde zu erscheinen, was die gerade,
vor fast leeren Klassen, erklärenden Lehrer nicht sonderlich störte, sie
fuhren ganz normal fort, auch als sich dann nach einer Viertelstunde eine Wand
von ca. 20 Deutschen und Franzosen am Pult vorbeischob, und den anderen so Bild
und Ton vom Lehrer nahm. Dass Zuspätkommen dort durchaus schon mal sehr
unangenehme Folgen habe konnte, zeigte sich bei einem anderen Lehrer, der zwei
Schülerinnen, die ungefähr 30 Sekunden, nachdem der Lehrer die Tür
geschlossen hatte noch hereinkamen, zu einer Zeitstunde Nachsitzen verdonnerte!
Am
Nachmittag fuhren die Deutschen per Metro erneut nach Lille ins Museum, diesmal
in ein Technik- und Kunstmuseum. Dieses Museum hatte allerdings das Pech, dass
an diesem Nachmittag uns nach und nach die Ergebnisse der Mathe-Vergleichsarbeit
in der Stufe 10 zu uns durchsickerten, was für die meisten dieser Stufe
zeitweise eine höhere Priorität besaß als die Gemälde.
Aber
unabhängig von den Museen boten uns die Hin- und Rückwege zwischen Museum und
dem Bahnhof Gare de Lille immer eine gute Möglichkeit uns die Innenstadt
von Lille anzusehen.
Am
Freitag sollte dann unser zweiter und letzter größerer Ausflug stattfinden.
Diesmal brachen wir früh morgens wir Richtung Kanalküste auf. In Etaplés,
einer kleinen Stadt zwischen Lambersart und Calais besuchten wir ein Museum über
Fischerei in der Gegend und bekamen von einem Führer mehrere Fischarten sowie Möglichkeiten,
diese zu fangen, präsentiert. Frau Nass übersetzte anschließend für uns ins
Deutsche. Spannender war da schon das 3D-Kino sowie ein Seegangssimulator.
Das
anschließende Picknick am Strand in Boulogne sur Mer musste
bedauerlicherweise ausfallen, da es ausgerechnet während dieser halben Stunde
regnete und damit waren alle unsere Bade-Strand-Tag-Pläne über den Haufen
geworfen. So nutzten wir den Aufenthalt in Boulogne zu einer kleiner
Stadtbesichtigung in kleineren Gruppen, jedoch hatten die meisten von uns bald
genug von der überaus bestechenden Schönheit des idyllischen
Hafenstädtchens und seinen 15-stöckigen Fischerkaten gesehen und so
verbrachten wir die Zeit lieber in Cafés oder einfach in einem typisch französischen
Einkaufszentrum, wo wir uns mit französischen Dingen wie Snickers, Coca Cola
und wirklich französischer Orangina eindeckten.
Dann
ging´s weiter an die Kanalküste, in die Nähe von Calais, wo wir anhielten, um
die Klippen hinabzusteigen, was nach dem leichten Regen des Morgens mehr oder
weniger einfach war. Nachdem wir uns alle noch einmal die englischen
Kreidefelsen angesehen hatten, fuhr uns der Bus dann wieder die ca. 3 Stunden
zurück.
Samstags
teilten sich die Deutschen, wie schon Donnerstags, in zwei Gruppen auf, glückliche
und unglückliche: diejenigen, die am Donnerstag ausschlafen mussten jetzt früh
raus und umgekehrt. Für die Franzosen begann der Tag mit ca. 3 Zeitstunden
Naturwissenschaften, zuerst Chemie, dann Bio-Physik.
Anschließend
wurden die Deutschen befreit und durften ein PC-Quiz über Lille lösen, was
uns, anhand der, im Programm gegebenen Informationen vor nicht sonderlich große
Probleme stellte.
Dann
war endlich Wochenende! Während ebendiesem fieberten die Deutschen während des
Familienlebens dem letzten Höhepunkt
entgegen: Abschlussparty bei einer französischen Austauschschülerin, zu dem
die Besucher zwar von Stühlen über Musik bis hin zu Essen und Getränken ALLES
selbst mitbringen mussten, sich aber, vor allem aufgrund der schier unendlichen
Vielzahl an Spielzeug im Garten zu einem sehr ausgelassenen und sehr lustigen
Abschlussabend entwickelte.
Dann
kam der Montagmorgen, des 5. Aprils, an dem es dann für Franzosen und Deutsche
hieß sich zu verabschieden, was teilweise unter vielen Tränen geschah.
An dieser Stelle zum Schluss aber noch ein ganz herzliches Dankeschön an Frau Nass, Frau Tophoven, als Begleitlehrer, sowie an M. Pignet und Mme Sys von der französischen Seite (s. Foto)!
letzte Seitenänderung: 5.9.2004